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Kulturgeschichte des Bahnhofs Perchtoldsdorf von Robert Stiebitz

Das Hochbauprogramm der ehemaligen k.k. privilegierten Südbahngesellschaft

Die k.k.privilegierte Südbahngesellschaft entstand in den 60-iger Jahren des 19.Jahrhunderts als private Eisenbahngesellschaft aus der ehemaligen staatlich erbauten und betriebenen Strecke von Wien über den Semmering, Graz und Laibach zum wichtigsten Adriahafen der österreichisch-ungarischen Monarchie nach Triest.
Die Südbahngesellschaft entwickelte in den darauf folgenden Jahrzehnten eine enorme Bautätigkeit mit Bahnstrecken in der österreichischen und der ungarischen Reichshälfte. Unter dem Generaldirektor Friedrich Julius Schüler wurde als weiterer Geschäftszweig der Gesellschaft der Fremdenverkehr entlang den Südbahnstrecken durch Errichtung von Villen- und Hotelanlagen nach modernsten touristischen Gesichtspunkten gefördert.
Es entstanden die heute noch bestehenden Hotel- und Villenkolonien als Keimzellen der späteren Fremdenverkehrsorte am Semmering/Nö, in Toblach im Pustertal (heute Südtirol) und an der Adriaküste in Abbazia (heute Opatija/Kroatien). Die vielfältigen architektonischen Bauaufgaben vom Bahnhofsbau über den Villen- und Hotelbau wurden vom gesellschaftseigenen Hochbaubüro unter der Leitung der Architekten Wilhelm Flattich und Franz Wilhelm durchgeführt.

Architekt Flattich entwickelte für die Bahningenieure ein ganzes System von so genannten Hochbau-Normalien – Entwürfe und Detailpläne mit standardisierten Elementen -  welche für die meist in kurzer Zeit zu errichtenden Gebäude entsprechend ihrer Funktion und Wichtigkeit zusammengesetzt werden konnten.
Dadurch konnte auch der Wiedererkennungswert als Werbeträger für das Bahnunternehmen gesteigert werden – ein Marketingmittel, welches heute unter dem Begriff „Corporate Design“  sehr beliebt ist.
Es lassen sich 2 Hauptgruppen von Gebäudetypen und deren architektonische Ausformung unterscheiden:
Erstens, der Repräsentationsbau, zu dem vor allem die Empfangsgebäude in den Bahnhöfen zu zählen sind.

Diese Gebäude wurden auf die Dauer des Bahnbestandes hin konzipiert. Die langfristige Investition spiegelt sich in der Konstruktionsweise und den Baumaterialien wieder. Es dominiert der massive Steinbau aus behauenen Quadern bzw.
-  vielfach in Kombination - der Sichtziegelbau.
Zweitens der Nutzbau für kurzfristigere Bauprojekte, deren Lebensdauer u.a. durch den wirtschaftlichen Erfolg bestimmt war. Die zu investierenden Summen in die Herstellung mussten möglichst gering gehalten werden.
Dazu zählten diverse Bahnnebengebäude, Empfangsgebäude an untergeordneten Strecken sowie die Hotel- und Tourismusbauten.  Die gewählte Bauweise war der Holzriegelbau mit sichtbarem Holzfachwerk, Sichtziegelmauerwerk und kunstvoll verzierten Holzschalungen. Eine rationelle Herstellung vielfach durch Vorfertigung und Zusammenbau an Ort und Stelle wurde durch diese Bauweise begünstigt.

Das Bahnhofsgebäude an der Kaltenleutgebnerbahn in Perchtoldsdorf

Zur zweiten Gruppe von Gebäudeentwürfen ist der Bahnhof Perchtoldsdorf zu zählen.
Ab 1880 verfolgte die k.k.priv. Südbahngesellschaft das Ziel die Frequenz ihrer Hauptstrecken durch den Ausbau von relativ kurzen Nebenstrecken – den so genannten „Flügelbahnen“  -  vor allem in touristisch interessante Gegenden zu steigern.
Von der Südbahnstammstrecke Wien – Triest ausgehend wurde in den Wiener Naherholungsgebieten die Linie Liesing – Kaltenleutgeben (1883) und Mödling – Hinterbrühl (1883/85), letztere als technisches Pionierprojekt als elektrisch betriebene Straßenbahn, verwirklicht.
Den Kerntyp der Aufnahmegebäude beider Bahnstrecken stellte ein einfacher, lang gestreckter, ebenerdiger Baukörper in Holz-Fachwerkbauweise mit Rohziegelausfachungen dar. Unter dem flach geneigten Satteldach wurden die verschiedenen Funktionen wie Wartesaal, Kassa, Aborte und Personalwohnung aneinandergereiht. Das Gebäude konnte je nach Bedarf beliebig verlängert werden.
Die Holzelemente wie Stützen, Kopfbänder, Fenstereinfassungen und –bekrönungen weisen reizvolle und üppige Verzierungen nach Flattichs Normalien für die Bauten der Pustertal- und Brennerbahn auf und zeugen von einer hohen Baukultur auch für diese einfachen Nutzbauten.
Das Perchtoldsdorfer Bahnhofsgebäude weicht in der Baukörpergestaltung von den übrigen Gebäuden in Rodaun, Waldmühle und Kaltenleutgeben sowie denen entlang der Hinterbrühler Lokalbahn ab, da es im Anschluss an den Längstrakt einen im Westen angefügten Gebäudeteil mit quer gestellten Giebelflächen aufweist.
Aufgrund von Fotodokumenten liegt der Schluss nahe, dass das ursprüngliche Gebäude erst zu einem späteren Zeitpunkt um eine Beamtenwohnung erweitert worden war.
Die differenziert eingesetzten Baumaterialien weisen zudem das originale Farbschema der Bauwerke der ehemaligen Südbahngesellschaft auf: rötliches Ziegelmauerwerk, hell- und dunkelbraun gestrichene Holzteile, grün lackierte Fensterläden.
Das Gebäude ist bis heute in allen Details im Originalzustand erhalten, da seit der Einstellung des regelmäßigen Personenverkehrs auf der Kaltenleutgebnerbahn im Jahr 1951allem Anschein nach keine Veränderungen mehr durchgeführt worden waren.
Eine fundierte Überprüfung des Bauzustandes erscheint durch die bis heute andauernde Nutzung als Wohngebäude und somit eines gewissen Schutzes der Substanz trotz des Alters der (Holz-)Bauteile lohnenswert.
Eine Erhaltung dieser einzigartigen Südbahn-Bausubstanz wäre vor allem im Hinblick auf eine „architektonische Verwandtschaft“  mit prominenten Gebäuden am Semmering und in Toblach wünschenswert.

Die architekturgeschichtlichen Verwandten des Bahnhofsgebäudes in Perchtoldsdorf

1.         Das Hotel in Toblach / Pustertal: 

Auf Initiative des Südbahn-Generaldirektors Friedrich Julius Schüler wurde ab 1878 an der Südbahnlinie Klagenfurt – Franzensfeste (Pustertalbahn) in Toblach am Fuße der Sextener Dolomiten ein Hotelkomplex errichtet. Den Entwurf für die relativ neue Bauaufgabe „Hotelbau“  lieferte der Chefarchitekt der Südbahngesellschaft Wilhelm Flattich. Augenmerk wurde auf später Erweiterungsmöglichkeiten, rationelle Herstellung sowie eine ansprechende architektonische Ausgestaltung gelegt. Flattich bediente sich der für die Bahnhofsgebäude der Brenner- und Pustertalbahn von ihm entwickelten Architektursprache, welche schon damals von Fachkreisen wegen der gelungenen Anpassung an den Charakter der umgebenden Landschaft anerkannt worden war. Auf dem massiven Hausteinsockel wurden die oberen Geschosse in Sichtziegelbauweise errichtet. Dem alpinen Charakter wurde durch die Verwendung reich verzierter Holzschalungen der Giebelfelder, Holzfachwerkkonstruktionen für Veranden und Balkone, sowie durch die Anordnung von geschnitzten Fensterbekrönungen und Fensterläden Rechnung getragen.Der gesamte denkmalgeschützte Gebäudekomplex ist im nach einer Komplettsanierung in den 1990-iger Jahren, gefördert u.a. durch das Land Südtirol und die Gemeinde, erhalten und dient verschiedenen halböffentlichen Nutzungen (Kulturzentrum, Jugendherberge, Naturparkhaus, Gastgewerbeschule).

2.         Die Hotel –und Villenkolonie am Semmering / Niederösterreich:

Ebenfalls auf Initiative des Generaldirektors Schüler und bestärkt durch den Erfolg des Toblacher Hotelprojektes  erfolgte 1881/82 die Gründung der Hotel- und Villenkolonie auf dem Semmering. Neben dem eigentlichen Hotelgebäude mit dem unverwechselbaren Ausblick auf das Gebirgsmassiv von Schneeberg und Rax wurden auch Dependancen und Mietvillen in dem damals noch unbesiedelten alpinen Gebiet im Umfeld der weltberühmten Semmering-Gebirgsbahn errichtet.
Der Entwurf für das ursprüngliche Hotelgebäude stammt von Flattichs engstem Mitarbeiter Architekt Franz Wilhelm und wurde nach ähnlichen Gesichtspunkten wie das Toblacher Hotel errichtet. Die Entwürfe für die Hoteldependance Waldhof, das Kellnerhaus, sowie für die Villen Schüler, Sophie und Prenninger gehen auf den Bahningenieur Josef Daum  zurück.
Unterhalb dieser Anlagen wurden 1883 auf dem Wolfsbergkogel billigere Unterkünfte, die so genannten „Touristenhäuser“  und ein Restaurationsbetrieb „Jubelhalle“  ebenfalls nach Plänen von Josef Daum errichtet.
Vor allem diese letztgenannten, leider nicht mehr erhaltenen, Bauwerke  wiesen eine starke Ähnlichkeit mit den Stationsgebäuden der Kaltenleutgebner- und Hinterbrühlerbahn auf.
Am gut erhaltenen Hotelbau, dem Kellnerhaus und den Villen ist eine starke Verwandtschaft bei den hölzernen Ziergliedern (Fachwerk, Fensterumrahmungen, Fensterläden etc.) mit dem Perchtoldsdorfer Bahnhofsgebäude feststellbar.

Bildnachweise und Quellen: 

Bild 1:
Christoph Bertsch(Hrsg.): „Industriearchäologie – Nord-, Ost-, Südtirol und Vorarlberg“
Haymon-Verlag, Innsbruck 1992

Bild 2:
Hellmuth R. Figlhuber:      „Liesing-Kaltenleutgeben. Flügelbahn zur Kuranstalt“ , S.35
Herausgegeben vom Mödlinger Stadtverkehrsmuseum. Mödling/Wien 1995

Alle anderen Fotos sowie Texte  stammen vom Autor.

Unter den verwendeten Quellen sind besonders folgende Bücher hervorzuheben:

Hellmuth R. Figlhuber:     „Liesing-Kaltenleutgeben. Flügelbahn zur Kuranstalt, S.35
Herausgegeben vom Mödlinger Stadtverkehrsmuseum. Mödling/Wien 1995

Hellmuth Figlhuber, Dieter Stanfel, Manfred Hohn:      „Mödling-Hinterbrühl. Die erste elektrische Bahn Europas für Dauerbetrieb“
Verlag Josef Otto Slezak, Wien 1986

Desirée Vasko-Juhász:     „Die Südbahn. Ihre Kurorte und Hotels“  Semmering Architektur / Band 1
Hrsg. Mario Schwarz. Böhlau Verlag Ges.m.b.H /Wien 2006

Günther Buchinger:      „Villenarchitektur am Semmering“  Semmering Architektur / Band 2
Hrsg. Mario Schwarz. Böhlau Verlag Ges.m.b.H /Wien 2006

Guido Friedl:      „Der Architekt Wilhelm von Flattich (1826-1900)“  Diss. der Universität Wien,
Band 141, Verband der Wissenschaftl.Ges.Österreichs VWGÖ, Wien, 1979

Mihály Kubinszky:      „ Bahnhöfe in Österreich – Architektur und Geschichte“
Verlag Josef Otto Slezak, Wien 1986